Zwei aufgeschlagene Laptops , dazwischen zwei Hände, die Notizen machen

Zum Verhältnis von Design und Forschung

Design ist im üblichen Verständnis keine Wissenschaft, obwohl es als Disziplin systematisch mit Wissen umgeht. Seit den Ursprüngen des Fachs wurde die Praxis von Designern immer weiter professionalisiert, sodass sich Design nicht nur als professionelle Tätigkeit, sondern auch als akademische Disziplin etablieren konnte. Wie ist also das Verhältnis von Design zu Wissenschaft und Forschung?

Design als Disziplin

Das Verhältnis von Theorie und Praxis im Fach Design wird immer wieder neu verhandelt und bis heute herrscht im Fachdiskurs wenig Einigkeit darüber, auf welche Weise Praxis, Theorie und Wissenschaft miteinander in Verbindung stehen. Dabei steht außer Frage, dass Designer in ihrer Tätigkeit sowohl vorhandenes Wissen anwenden als auch neues Wissen generieren. Zu Herkunft und Rolle dieses Wissens und das Verhältnis zur kreativen Tätigkeit existieren allerdings unterschiedliche Auffassungen.

Aus historischer Sicht entsteht Design als Profession zur Zeit der Industrialisierung durch einen aufkommenden Bedarf an Gestaltung von Produkten für die Serienfertigung. Da zu dieser Zeit die Praxis der Produktgestaltung noch nicht existiert, werden Vertreter aus verwandten Disziplinen herangezogen. Die ersten Designer im modernen Verständnis kommen deshalb aus Bereichen wie Kunst und Architektur. Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelt sich Design durch die Erarbeitung spezifischer Methoden und die Etablierung im akademischen Umfeld zu einer eigenständigen Disziplin weiter. Bis heute bleibt das Fach allerdings eng verbunden mit anderen kreativ-schöpferischen Disziplinen, aber auch mit Disziplinen aus dem Bereich der Technik- und Ingenieurswissenschaften. Ob Design in diesem Spannungsfeld eine eigene Disziplin bildet oder a priori als inter-, multi- oder transdisziplinär zu verstehen ist, wird in der Literatur kontrovers diskutiert.

Klaus Krippendorff versteht Design als eine ‚undisziplinierbare’ Profession. Dazu unterscheidet er zunächst alltägliche kreative Tätigkeiten wie das Einrichten eines Wohnraums und wissenschaftliche Tätigkeiten wie das Planen eines Experiments von der professionellen Tätigkeit eines Designers, die sich durch bestimmte Kompetenzen und Methoden auszeichne. Weil Design aber zum Ziel habe, Neues zu erschaffen, sei es notwendig, die Grenzen von Disziplinen zu überschreiten. Multidisziplinäres Vorgehen und das Hinterfragen von Konventionen gehöre dafür zu den Aufgaben eines Designers. Aus diesem Grund sei Design zwar eine Profession, aber keine Disziplin, denn Disziplinierung sei immer auch als Einschränkung zu verstehen. Peter Stephan argumentiert, dass Design sein Verhältnis zu Wissen immer wieder neu erprobe und deshalb die „Disziplinbildung in einem endlosen Aufschub vermeidet“.

Design und Forschung

Forschung für Design

Die Geschichte des Designs ist eng mit dem Bedürfnis verbunden, die gestalterische Praxis wissenschaftlich zu fundieren. Vertreter der Moderne wie die Bewegung De Stijl oder die Gestalter am Bauhaus suchen zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach objektiven und wissenschaftlich gestützten Methoden für die Gestaltung von Objekten, Gebäuden, Information und Kunstwerken. Aus historischer Perspektive wiederholt sich in den 1960er Jahren dieses Bedürfnis nach einer Verwissenschaftlichung von Gestaltungsprozessen im Design Methods Movement in den USA, welches von dem Bedürfnis, Design auf Objektivität und Rationalität zu gründen, gekennzeichnet ist. In Deutschland ist zur selben Zeit in Kontext des Funktionalismus auch eine Verwissenschaftlichung der Designausbildung, bspw. an der Hochschule für Gestaltung in Ulm, zu beobachten. Bis heute machen sich Designer Erkenntnisse anderer Disziplinen wie Physik, Ergonomie oder Psychologie zunutze, um ihre praktische Arbeit auf wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zu stützen. In diesem Sinn kann man solche Bezugswissenschaften als Forschung für Design verstehen. Nigel Cross bezeichnet dieses Vorgehen als ‚Scientific Design’, wobei sich die Arbeit von Designern nicht allein auf wissenschaftliche Erkenntnisse verlasse: Design ist vielmehr: „based on scientific knowledge but utilising a mix of both intuitive and non-intuitive design methods.“1 Neben rein theoretischen Erkenntnissen kann Design auch von anwendungsorientierter Forschung aus anderen Disziplinen profitieren, bspw. von quantitativen Erkenntnissen aus der Marktforschung. Besonders in frühen Phasen von Designprozessen, in denen die Anforderungen eines Projekts gesammelt werden, ist es sinnvoll, etwas über Zielgruppen eines Designprojekts herauszufinden. Don Norman unterscheidet allerdings die quantitativen Methoden aus dem Marketing von den eher qualitativen Methoden der nutzerzentrierten Designforschung:

„Das Design will wissen, was Menschen brauchen und wie diese das gegebene Produkt oder den Service nutzen werden. Das Marketing will wissen, was Menschen kaufen.“ 2

Die projektbasierte Designforschung, die mithilfe von Methoden aus anderen Disziplinen systematisch Erkenntnisse generiert, um eine gesicherte Grundlage für Entwürfe zu bilden, wird heute als notwendiges und hilfreiches Instrument in Designprozessen gesehen, bspw. in Form von Nutzerforschung. Sie kann aber nicht allein den Bereich Designforschung konstituieren.

Forschung über Design

Demgegenüber steht die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Design im Sinne einer Forschung über Design. Was Cross als ‚Science of Design’3 definiert, kommt im deutschen Sprachgebrauch der Designwissenschaft oder Designtheorie am nächsten. Designwissenschaft untersucht Design, indem sie aus einer distanzierten Perspektive und mithilfe wissenschaftlicher Methoden vorgeht. Das umfasst nach Cross drei Bereiche: Design-Epistemologie als das Studium vom menschlichen Wissen, Design-Praxiologie als das Studium von Entwurfsprozessen und Techniken sowie Design-Phänomenologie als Studium der Form und Konfiguration von Artefakten.

Das Design Methods Movement eröffnet eine erweiterte Perspektive auf das Verhältnis von Design und Forschung: Design wird als übergeordnete, gestalterische Disziplin postuliert, die nicht nur die empirischen und theoretischen Erkenntnisse von Bezugswissenschaften für die Gestaltungspraxis heranzieht, sondern auch das Wissen über Methoden und Regeln sowie die Herleitung von wissenschaftlichen Erkenntnissen aus praktischen Aktivitäten umfasst. Design wird so zu einer übergeordneten (Planungs-)Wissenschaft erhoben, die theoretisches und praktisches Wissen miteinander vereint und in der Gestaltung zu wissenschaftlichem Vorgehen nobilitiert wird:

(…) design science refers to an explicitly organized, rational and wholly systematic approach to design; not just the utilization of scientific knowledge of artefacts, but design in some sense a scientific activity itself.4

Das erklärte Ziel des Design Methods Movement ist es, für Entwurfsprozesse rationale und wiederholbare Methoden zu finden, um sie wissenschaftlich zu fundieren. Herbert Simon begreift Entwerfen als Tätigkeit, die von wissenschaftlichen Methoden geleitet wird:

Das Entwerfen sah er als eine methodengeleitete Wissenschaft des praktischen Denkens, Planens, Entscheidens und Tuns, deren Ziel es sein sollte „das Künstliche zu erschaffen“.5

Dabei macht er eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Naturwissenschaften – deren Ziel es sei, auf analytische Weise herauszufinden, wie natürliche Dinge beschaffen sind und funktionieren (Ist-Zustände) – und den Wissenschaften vom Künstlichen, deren Ziel es sei, Neues zu erschaffen (Soll-Zustände). Daraus entsteht auch Simons recht offene Definition von Design: Design sei eine Tätigkeit, die etwas aus einem bestehenden Zustand in einen bevorzugten Zustand überführt:

Everyone designs who devises courses of action aimed at changing existing situations into preferred ones.6

Forschung durch Design

Als Weiterentwicklung dieser Sichtweise kann aber auch die praktische Tätigkeit von Designern als forschendes Vorgehen betrachtet werden. In diesem Sinne ist es als Forschung durch Design zu verstehen, wenn innerhalb von Designprozessen systematisch Erkenntnisse generiert werden. Am Anfang steht dabei naturgemäß Ungewissheit über das Ergebnis des Entwurfsprozesses. Damit der Designprozess sich dem Ergebnis annähert, werden Entwurfshypothesen in Form von Skizzen und Modellen angefertigt, die auf vorformulierten Annahmen beruhen und sich analog zu wissenschaftlichen Variablen durch verschiedene Konfigurationen und Ausprägungen in Dimensionen wie Form, Struktur und Material unterscheiden. Zwar unterscheiden sich wissenschaftliche Prozesse, die Hypothesen als Mittel zur Erkenntnisgewinnung nutzen, von Entwurfsprozessen. Entwurfsmodelle in Analogie zu wissenschaftlichen Hypothesen im Sinne von unbewiesenen Annahmen, die überprüft werden können, zu verstehen, eröffnet allerdings eine andere Perspektive auf die Erkenntnisgewinnung in kreativen Prozessen. Um zu einem konkreten Ergebnis zu gelangen, also Gewissheit zu erzeugen, müssen Designer erforschen, wie das Entwurfsmodell beschaffen ist, um den zuvor definierten Anforderungen zu entsprechen. Analog zu einer Hypothese kann ein Entwurfsmodell dahingehend überprüft werden, ob die Annahme, dass der Entwurfsansatz das zuvor formulierte Problem löst, bestätigt oder verworfen werden kann. Das Modell wird damit zum Instrument zur Ermittlung neuer Erkenntnisse in einem ontogenetischen Entwurfsprozess.

Wissensproduktion im Modus 2

Diese Form der Erkenntnisgewinnung in Entwurfsprozessen ist im Zusammenhang mit veränderten Formen von Wissensproduktion zu sehen. Während in der traditionellen wissenschaftlichen Praxis Erkenntnisse vor allem in institutionellen Kontexten innerhalb von akademischen Disziplinen gewonnen werden, zeichnet sich in vielen Bereichen eine Hinwendung zu transdisziplinären und anwendungsorientierten Formen der Wissensproduktion ab. Diese als ‚Modus 2’ beschriebene Form der Erkenntnisgewinnung löst die strikte Unterscheidung zwischen wissenschaftlichen und nicht wissenschaftlichen Vorgehensweisen und die Abgrenzung zwischen Grundlagenforschung und anwendungsorientierter Forschung auf. Die Hinwendung zu problem- und anwendungsorientierten Kontexten

schließt in vielfacher Weise an die designtheoretischen Debatten an, die seit den 1960er Jahren (…) angestoßen wurden. Ihre erweiterten, transdisziplinären Auffassungen von Entwerfen, Problemlösen, Planen und professioneller Expertise (…) sind paradigmatisch für die veränderte Form von Wissensproduktion, für die der Begriff ›Modus 2‹ heute steht.7

Designforschung

Zur Beziehung zwischen Design und Forschung resümiert Krippendorff, dass es paradox sei, Designforschung als analog zu naturwissenschaftlicher Forschung zu begreifen, denn während sich letztere immer mit bereits bestehenden Zuständen befasse, gehe es im Design darum, Neues zu erschaffen, was es zu einer zukunftsorientierten Profession mache:

(…) design research, modelled after scientific research, is an oxymoron. Scientific research is re-search, the repeated search within existing data for enduring pattern that provide the evidence for predictive theories. Re-search cannot possibly inform innovations which, by definition, deviate from past precedents. 8

In diesem Zusammenhang definiert er vier Ziele von Designforschung: Sie solle, erstens, Möglichkeiten zur Innovation erforschen, indem untersucht wird, welches Verhalten Menschen zugunsten einer neuen Alternative aufgeben würde. Hierfür schlägt Krippendorff ethnografische Methoden vor. Designforschung solle zweitens den Designprozess erforschen, um Wege zu finden, die die Arbeit von Designern effektiver oder effizienter machen. Drittens solle erforscht werden, wie die öffentliche Wahrnehmung von Design verbessert werden kann. Viertens und letztens sei die Designforschung am wichtigsten zur Exploration von Möglichkeiten, wie Designer besser in einem Netzwerk von Stakeholdern, womit Krippendorff sowohl mögliche Auftraggeber als auch andere am Designprozess beteiligte Professionen versteht, partizipieren und interagieren können. Designforschung könne auf diese Art einen bedeutenden Beitrag dazu liefern, die Wahrnehmung der Profession und ihres Einflusses auf die Gesellschaft zu verbessern sowie die Rolle von professionellen Designern innerhalb von interdisziplinären Kollaborationen zu stärken. Krippendorff verortet die Aufgaben von Designforschung damit in verschiedene Kontexte zwischen Forschung für und Forschung durch Design.

Fallman entwickelt für die Rolle von Forschung, speziell in der Gestaltung interaktiver Systeme, ein Modell, welches Designpraxis, Designwissenschaft und Design-Exploration miteinander verbindet. Zwischen diesen drei Extremen spannt sich das Aufgabenfeld, das Designforschung konstituiert, auf. Die Erforschung der Designpraxis soll dabei nicht aus distanzierter, sondern aus teilnehmender Perspektive geschehen, um Erkenntnisse über das in der Praxis angewendete und generierte Wissen zu erlangen. Die Designpraxis stellt dabei die Schnittstelle zur Industrie dar. In der Design-Exploration können mögliche Formen und Ausprägungen digitaler Artefakte erkundet und getestet werden, um deren Nutzen zu ergründen und zu optimieren. Durch diese soziale Dimension entsteht eine Schnittstelle zur Gesellschaft. Die Designwissenschaft als theoretische Disziplin kann zum einen grundlegende Erkenntnisse für Entwurfsprozesse liefern und zum anderen die in Entwurfsprozessen generierten Erkenntnisse in ihre Theorien aufnehmen. Dadurch entsteht eine Schnittstelle zur akademischen Welt.

Quellen

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Chalmers, Alan F.: Wege der Wissenschaft. Einführung in die Wissenschaftstheorie, Berlin/Heidelberg 1999.

Cross, Nigel: Designerly Ways of Knowing, Basel 2007.

Ewenstein, Boris; Whyte, Jennifer: Wissenspraktiken im Design. Die Rolle visueller Repräsentationen als „epistemische Objekte“. In: Mareis, Claudia; Joost, Gesche; Kimpel, Kora; (Hg.): Entwerfen – Wissen – Produzieren. Designforschung im Anwendungskontext, Bielefeld 2010. S. 47–80.

Fallman, Daniel: The Interaction Design Research Triangle of Design Practice, Design Studies, and Design Exploration. In: Design Issues, 24 (3), 2008. S. 4–18.

Hanington, Bruce: Methods in the Making. A Perspective on the State of
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Mareis, Claudia: Design als Wissenskultur. Interferenzen zwischen Design- und Wissensdiskursen seit 1960, Bielefeld 2011.

Mareis, Claudia: Theorien des Designs. Zur Einführung, München 2014.

Mareis, Claudia: Doing Research: Design Research in the Context of the
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Meier, Cordula: Designtheorie als Disziplin. Begriffsbestimmung,
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Schäffner, Wolfgang: The Design Turn. Eine wissenschaftliche Revolution im Geiste der Gestaltung. In: Mareis, Claudia; Joost, Gesche; Kimpel, Kora; (Hg.): Entwerfen – Wissen – Produzieren. Designforschung im Anwendungskontext, Bielefeld 2010. S. 33–45.

Simon, Herbert A.: The Sciences of the Artificial, Cambridge 1999.

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Disziplin, München 1992.

  1. Cross 2007, S. 121f.
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  4. Ebd.
  5. Mareis 2014, S. 169.
  6. Simon 1999, S. 111.
  7. Mareis 2017, S. 169f.
  8. Krippendorf 2016, S. 203.

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