Wir sind alle Astronauten – Buckminster Fuller, der erste Designforscher

Beschäftigt man sich mit der Geschichte von Design und Technik, kommt man nicht um das bedeutende und umfangreiche Leben und Wirken des amerikanischen Ingenieurs, Gestalters und Architekten Richard Buckminster Fuller herum. Designhistoriker sind sich nicht nur darin einig, ihn als einflussreichen und brillanten Entwerfer zu beschreiben, sondern bezeichnen ihn auch als ersten Designforscher in der Geschichte von Design und Technik. Sich selbst nannte Fuller “comprehensive anticipatory design scientist”.

Chronofile – Lebenslauf eines Genies

Aus einer traditionsreichen und gebildeten Familie stammend, wurde Fuller den gesellschaftlichen Erwartungen nicht gerecht, als er wegen ungebührlichen Verhaltens sein begonnenes Studium in Harvard beenden musste. Anders als viele seiner berühmten Zeitgenossen aus Wissenschaft und Kunst erhielt er also keine akademische Ausbildung. Sein Wissen über Konstruktionsprinzipien erlangte er durch eine Ausbildung zum millwright (Mühlentechniker) in der Baumwollindustrie und seine Laufbahn bei der US Navy während des Ersten Weltkriegs. Mit seinem Schwiegervater J.M. Hewlett gründete er 1922 das Unternehmen Stockade Building System, das Werkstoffe und Bausteine für die Bauindustrie herstellte und vertrieb. Nachdem er 1927 aus dem eigenen Unternehmen entlassen wurde, begann für ihn eine Krise, die als Wendepunkt seiner Biografie dargestellt wird. Schon davor hatte Fuller begonnen, mithilfe von Mathematik und Physik Konstruktionsprinzipien zu entwickeln, die es in dieser Form bisher nicht gab. Doch die Entwicklung des Dymaxion House brachte ihn erstmals in den Fokus der Öffentlichkeit und markierte damit den Beginn einer Karriere als Konstrukteur und Wissenschaftler. Nachfolgende Objekte waren u. a. Dymaxion Car, Dymaxion Dwelling Machine und Dymaxion Bathroom. Sein erster kommerzieller Auftrag als Architekt kam erst 1953 – für die Ford Motor Company wurde erstmals einer seiner Entwürfe einer geodätischen Kuppel gebaut. Es folgten viele weitere: die größte von ihnen ist die Biosphère in Montreal, die 1967 zur Weltausstellung als Pavillon der USA gebaut wurde. Bis heute wurden mehr als 300.000 geodätische Kuppeln nach Fullers Entwürfen realisiert.

Richard Buckminster Fuller
Richard Buckminster Fuller (Quelle: Wikipedia Commons)

Bis zu seinem Tod 1983 arbeitete er mit vielen bekannten Architekten und Wissenschaftlern zusammen und beeinflusste deren Arbeit maßgeblich.

Fuller did not limit himself to one field but worked as a ›comprehensive anticipatory design scientist‹ to solve global problems surrounding housing, shelter, transportation, education, energy, ecological destruction, and poverty.

Schon in den 1930er Jahren erkannte er die besondere Relevanz nicht nur ökonomischer, sondern auch ökologischer Aspekte von Design, denn »er wolle nicht nur seine Familienangehörigen, sich selbst, sein Land und seine Arbeitskollegen, sondern stets die gesamte Menschheit umfassend fördern«.

Maximum strength – Biosphere, Montreal

Nachdem Fuller bereits in den 50er-Jahren seine ersten geodätischen Kuppeln hatte bauen lassen, wurde die united states information agency auf ihn aufmerksam und beauftragte ihn mit dem Entwurf eines Pavillons für die USA zur Weltausstellung 1967 in Kanada.

Biosphere in Montreal
Biosphere in Montreal, Kanada (Quelle: Wikipedia Commons)

Entstanden ist eine Kuppel mit einem Durchmesser von 76 und einer Höhe von 62 Metern, bestehend aus einem stählernen Tragwerk und Plexiglas. Die Biosphère bildet eine Fünf-Achtel-Sphäre, also eine nicht vollständige Kugel. Der Entwurf der Form basiert auf dem Octet-Truss, Fullers patentierter Tragwerk-Konstruktion, die aus einer Kombination von Tetra- und Oktaedern besteht und ein Struktur maximaler Stabilität bildet. Durch die Röhren des Tragwerks sind elektrische Leitungen gelegt, die eine Steuerung der einzelnen Innenräume, welche mit Plexiglas-Scheiben gefüllt waren, ermöglicht – so konnten diese einzeln bewegt werden. In Fullers Entwurf war vorgesehen, dass sie sich auch färben lassen, um den Innenraum bei starker Sonneneinstrahlung zu schützen. Es sollte ein intelligentes Bauwerk werden, das mit der Natur und Witterung interagiert. Fuller nutzte Prinzipien der Geometrie aus: durch die Kugelform und die Konstruktion des Tragwerks ist der Materialaufwand sehr gering relativ zum überspannten Raum – möglichst geringer Aufwand bei möglichst großem Nutzen. Das Prinzip less with more entsteht. Dank der Konstruktion sind alle geodätischen Kuppeln sehr leicht – kleinere Kuppeln, die Fuller u .a. für die US Army entwarf, können mit einem Helikopter transportiert werden.

Starting with the universe –  Fullers Philosophie

In zahlreichen Publikationen beschreibt Fuller seine Entwürfe und die Prinzipien, die dahinter stecken; dabei sind vor allem drei Begriffe zentral.

Dymaxion

Bereits den 20er- und 30er-Jahren entwickelte Fuller mehrere Objekte, an denen sich seine Denkweise gut illustrieren lässt. 1927 entstand nach einigen Jahren Entwicklung das Dymaxion House – eine Wohneinheit, die standortunabhängig und autark ist. Die zunächst als 4D House bezeichnete »Wohnmaschine« erhielt ihren späteren Namen nach Beauftragung eines Texters. Dieser entwickelte den Begriff Dymaxion aus Fullers Notizen und Vorträgen als Mischung aus den Begriffen dynamic, maximum und ion.

Dymaxion House
Entwürfe für das Dymaxion House (Quelle: Wikipedia Commons)

Ephemerisierung

An einem zentralen Mast hängt eine Konstruktion mit achteckigem Grundriss ohne echte Fassade, die aber durch Dach, Boden und Fenster einen geschlossenen Raum bildet. Der Mast kontrolliert die Luftzirkulation und regelt somit die Temperatur im Inneren. Die »Wohnmaschine« wäscht außerdem die Wäsche und entsorgt den Abfall. Nach Fullers Plan sollte die Einheit in industrieller Massenfertigung produziert und damit für jeden Käufer extrem günstig werden (4.800$, Stand 1930). Das Dymaxion House ist bis ins kleinste Detail multifunktional und effizient – und damit das perfekte Objekt zur Illustration für Fullers Konzept der Ephemerisierung. Ephemer bedeutet flüchtig, vergänglich – Fuller erklärt, dass technischer Fortschritt darin bestehe, Teile eines Ganzen kleiner zu machen, ihnen mehr Funktionen zu geben und damit ein effizienteres System zu schaffen.

Die Produktion des Dymaxion House in Serie war aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Umstände (Zweiter Weltkrieg, Große Depression) nicht möglich. Außerdem war die Skepsis gegenüber Fullers Konstruktionen groß. Eine veränderte Form des Hauses, die Dymaxion Dwelling Machine, wurde in den folgenden Jahren jedoch mehrfach gebaut.

Synergie

Fullers holistischer Anspruch an die Wissenschaft und das Leben an sich ist gekennzeichnet durch den Versuch, die Kluft zwischen Natur und Technik, Geist und Materie zu überbauen.

Im Universum ist alles fortwährend in Bewegung, und alles bewegt sich immer in Richtungen des geringsten Widerstandes (…) so kam ich zu der Ansicht, dass ich nie versuchen würde, den Menschen zu ändern – das ist viel zu schwierig. Ich würde versuchen, die Umwelt zu verändern und zwar so, dass die Menschen in die gewünschten Richtungen gehen können.

Dies gipfelt in seinem Prinzip der Synergie (synergetics), einer empirisch-experimentellen Form der Geometrie, die untersucht, auf welche Art Teile eines Ganzen zusammenwirken.

[synergy is] the behavior of a whole system unpredicted by the behavior of its components (…) [geodesic domes] are a local application of a comprehensive system.

Was zunächst abstrakt klingt, lässt sich an den geodätischen Kuppeln illustrieren: während sie im Gesamten den Ausschnitt einer Kugel darstellen, bestehen sie in ihren Einzelteilen aus geometrischen Grundformen wie Drei- oder Mehrecken. Die Konstruktionen aus Metall und Glas sind im Vergleich zu Kuppeln aus anderen Materialien extrem leicht und gleichzeitig stabil.

Fool on the hill –  Rezeption in der Architektur

Fuller war kein Architekt und wollte auch keiner sein. Gleichzeitig war er auf Architekten angewiesen, denn seine Entwürfe sollten realisiert werden. Nikolaus Pevsner stellte die These auf, dass es sich bei Gebäuden nur dann um Architektur handle, wenn sie sich durch eine ästhetische Qualität auszeichnen. Fuller hingegen erklärte, die Gestaltung eines Bauwerks mit einer vorgegebenen Grundstruktur habe zwar eine ästhetische Funktion, sei aber vollkommen bedeutungslos. Zudem forderte er zu einem radikalen Umdenken auf.

Kenneth Frampton beschreibt zwei extreme Pole von Architektur: als Kunst und als Technik, während Fuller letzteren ausmache. Berühmte Architekten wie Frank Lloyd Wright und Minoru Yamasaki beschreiben Fuller als Visionär und Freund und sprechen offen ihre Bewunderung aus. Yamasaki meint, kein Architekt könne nicht von Fuller beeinflusst sein.

Konrad Wachsmann griff Fullers Ideen zur Effizienz auf und entwickelte daraus Tragwerke, die mit wenig Materialeinsatz und geringem Gewicht einen möglichst großen Raum überspannen konnten – gut zu sehen am von ihm entwickelten Flugzeughangar.

Fuller war gut befreundet mit Norman Foster – gemeinsam arbeiteten sie zum Beispiel an den Entwürfen zur Umgestaltung des Reichstags in Berlin. Der Einfluss Fullers ist bei Betrachtung der Kuppel und des Tragwerks nicht von der Hand zu weisen. 1983 entwickelten die beiden das Autonomic House und planten, es zu bauen und dort zu wohnen. Fosters Umbau des British Museum von 1997 bis 2000 wäre ohne Fullers Einfluss nicht denkbar.

Fuller als erster Designforscher

Schon zu Lebzeiten wurde Buckminster Fuller von Studenten gefeiert, von Architekten, Künstlern und Wissenschaftlern gelobt und geachtet; doch erst nach seinem Tod wurde schrittweise klar, wie bedeutend seine Erkenntnisse waren.

Bürdek beschreibt, dass Fuller bereits in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Bedeutung ökologischer Aspekte für das Entwerfen von Produkten und Strukturen erkannte; seine Entwürfe sollten immer gleichzeitig die Lösung für soziokulturelle wie ökologische Fragestellungen sein. Auffallend dabei ist auch die dominante Ausrichtung auf Effizienz: alle Ressourcen sollen so intelligent genutzt werden, dass Energieverschwendung und Materialknappheit ausgemerzt werden. Dieser Ansatz, der nicht nur danach fragt, wie ein Produkt funktioniert oder aussieht, sondern ob es sinnvoll, effizient und ökologisch ist, ist aus heutiger Sicht erstaunlich, denn im Prinzip hatte Fuller schon vor knapp 100 Jahren die Lösung für Probleme, die man heute unter dem Stichwort »Nachhaltigkeit« subsummiert. Besonders interessant ist hier auch, dass die Bestrebungen für mehr ökologisches Bewusstsein in Europa und den USA oft von politischen oder wirtschaftlichen Interessen geprägt sind, während Fuller sich von solchen Einflüssen freisprach. Er propagierte seinen »Welt-Design-Plan«, der zur Unabhängigkeit und Redundanz von Politik führen sollte, denn allein das richtige Design könne durch strukturelle und mechanische Komplexe dazu genutzt werden, alle Ressourcen der Erde effektiv und effizient zu verteilen und zu nutzen.

Fullers Konzept von »design science« öffnet den Entwurfsprozess für alle relevanten Bezugsdisziplinen aus Technik, Natur- und Geisteswissenschaften und wird zur Ideologie und zum Lösungsansatz für Probleme: das »Buckminster-Fuller-Prinzip«, also eine technisch-erfinderische Herangehensweise wird vor allem in der Architektur ab den 60er Jahren bis weit in die 90er Jahre hinein das vorherrschende Paradigma. Bei seiner eigenen Arbeit war Fullers Ansatz stets interdisziplinär und nach eigener Aussage machte er sich frei von vorgefertigtem Expertenwissen. So entwickelte er eine Art des Entwerfens durch das Verknüpfen unterschiedlicher Disziplinen zu einer umfassenden Designwissenschaft.

Der Entwerfer Fuller, der viele Funktionen (Herausgeber von Zeitschriften, Dozent, Berater in Wirtschaft und Politik) innehatte, bezeichnete sich selbst als »Designer«, wobei die geläufige Auffassung des Begriffs eine andere war, nämlich die eines ästhetischen Gestalters von Oberflächen. Dabei war er alles andere, denn »ein Bauwerk ist in Fullers Konzept sowohl ein mechanisches als auch ein technologisches Problem, aber kein ästhetisches (…)«. Sein Ansatz war nie gestalterisch-ästhetisch, sondern immer funktional-technisch, während wissenschaftliche Erkenntnisse aus Mathematik und Physik immer die vorherrschende Rolle spielten und die individuellen Ansprüche an eine ästhetische Form zurückgestellt wurden.

Während seines gesamten Lebens verfasste Fuller Texte, die seine Philopsophie, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse und Theorien zusammenfassten; er veröffentlichte mehr als 30 Bücher und bereiste die ganze Welt, um Vorträge an Universitäten und anderen Institutionen zu halten. Seine Prinzipien wie Synergie und Ephemerisierung sind grundlegende Design-Prinzipien, die sich auf alle Probleme anwenden lassen. Außerdem entwickelte er neben einer neuen Gebäudeart – der geodätischen Kuppel – mit dem Octet Truss auch das »stabilste, rigideste Raumfachwerk«. Die Bauwerke und Objekte, die Fuller entwarf, sind nie intentional als solche entstanden, sondern das Ergebnis jahrelanger Forschung; damit sind seine Bauwerke nie Solitärbauten, sondern immer ein an die Umwelt und direkte Umgebung angepasstes System. Laut Krausse untersuchte Fuller, ohne jemals »Formanleihen« zu machen die gesamte Welt, die Sonne, den Mond und die Menschheit als Teile eines Ganzen und das gleichzeitig auf philosophische, romantische, technische und pragmatische Art; so sei er immer gleichsam Praktiker und Theoretiker gewesen.

Bezeichnend und typisch für Fuller ist auch, wie reflektiert er war und dass er seine Erkenntnisse nicht nur in offiziellen Veröffentlichungen verbreitete, sondern auch in Briefen und Gesprächen; er war in vielerlei Hinsicht unkonventionell. In einem Brief an den englischen Künstler John McHale beschreibt Fuller im Jahr 1955 seine Arbeit und die Einflüsse darauf. Dort beklagt er, dass das Bauen bei anderen keine wissenschaftliche Basis habe und zu sehr von politischen, gesetzlichen und monetären Einflüssen geprägt sei. Er fordert, dass Entwurfs- und Planungsarbeit immer wissenschaftliche Erkentnisse nutzen und selbst Forschung sein soll, um antizipierend und epistemisch zu sein. Außerdem kritisiert er explizit die europäischen Entwerfer der 20er und 30er Jahre (z.B. die Vertreter von Bauhaus und De Stijl), deren Arbeit zum sogenannten »Internationalen Stil« führte, weil sie rein oberflächlich sei und ohne das Wissen um »Mechanik und Chemie« auskomme. So sei der Stil nur oberflächlich inspiriert von der Industrialisierung – in der von ihm geforderten »Design-Revolution« spiele die Industrialisierung allerdings die entscheidende Rolle und nicht die Hinwendung zum Handwerk, die vom Bauhaus propagiert worden sei. Die Entwerfer am Bauhaus machten ihre Entwürfe nicht transparent genug und nutzten nur alte Materialen, um damit funktionale Oberflächen zu schaffen, während die Strukturen im Inneren eines Gebäudes und die Faktoren am Standort nicht beachtet würden.

Neues Bauen versus Synergie

Mit dem Dymaxion House machte Fuller 1927 seine ersten Entwürfe publik. Die Zeit zwischen den zwei Weltkriegen ist nicht nur in den USA, sondern auch in Europa eine Zeit der Neuerung, vor allem in den Bereichen Kunst, Architektur und Gestaltung. In Deutschland entsteht nach dem Werkbund das Bauhaus, in den Niederlanden De Stijl; gefordert wird eine Abkehr von alten Entwurfspraktiken – weg von Stilmaskerade und Ornament hin zur einfachen und formalen Gestaltung. Es ist die Geburtsstunde von Funktionalismus und Neuem Bauen.

Mit seiner Forderung, das Entwerfen mit technisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen zu beginnen, ist Fuller nicht allein: auch die europäischen Gestalter forderten einen neuen, technisch-orientierten »Weltaufbau«, so z.B. Mart Stam, Le Corbusier und El Lissitzky; letzter beschrieb ähnlich wie Fuller die Rolle des Gestalters als »Ingenieur-Künstler« oder »Künstler-Konstrukteur« – eine Sicht, die Fullers Beschreibung des »komprehensiven Designers« sehr nahe kommt. Eine weitere Parallele findet sich bei der Beschreibung einer »Wohnmaschine(rie)« durch Fuller, Le Corbusier, und Hannes Meyer. Das Haus sollte nicht mehr reine Behausung sein, sondern alle gesellschaftlichen, sozialen und biologischen Bedürfnisse des Menschen befriedigen können. Darin sind sich Fuller und die Mitglieder der sogenannten ABC-Gruppe einig.

Der Architekt und Urbanist Hannes Meyer, zweiter Direktor des Bauhaus zwischen 1928 und 1930, nach Walter Gropius und vor Ludwig Mies van der Rohe, war insofern ein Mann seiner Zeit, als auch er theoretische Schriften verfasste, in denen er eine Hinwendung zum technisch-wissenschaftlichen Ansatz des Bauens forderte sowie dies praktisch umsetzte. In seinem Aufsatz »Die Neue Welt« von 1928 propagiert er den Konstruktivismus als Leitgedanken einer neuen internationalen Einstellung zum Bauen und macht den Künstler zum technisch-wissenschaftlich motivierten Erfinder. Er geht dort über die Auffassung der ABC-Künstler hinaus, da er umfassender die Bereiche der »Umweltkultur« beschreibt und die Bedeutung des Gesellschaftlichen deutlich emporhebt. Auffallend ist bei Meyer und Fuller, dass beide innovative Entwürfe geschaffen haben, die ihrer Zeit anscheinend voraus waren und deshalb nicht umgesetzt werden konnten – Fuller zum Beispiel mit dem Dymaxion Car oder dem Wichita House, Meyer mit dem Völkerbundpalast in Genf. Der gemeinsame Entwurf dieses Gebäudes von Meyer und Wittwer war modern, funktional und effizient. Umgesetzt wurde dann aber ein Kompromiss aus verschiedenen Entwürfen anderer Architekten mit dem Ergebnis eines moderat historisierenden Erscheinungsbilds.

Meyer sieht ähnlich wie die anderen europäischen Gestalter seiner Zeit das Bauen als sozial orientiert, noch mehr als die anderen aber als »gesellschaftsverändernd«. Vom streng geometrischen Formalismus, den sein Vorgänger Gropius propagierte, wendete er sich ab und öffnete das Bauhaus-Denken damit für eine biologische, umweltbezogene Gestaltung.

Buckminster Fuller und Hannes Meyer ist einiges gemein: beide waren progressive Vertreter von Innovationsprozessen, sie forderten ein rational-technisches Verständnis vom Entwerfen und verstanden das Bauen nicht als ästhetischen, sondern gesellschaftlich-sozialen, umweltbezogenen Problemlösungsprozess.

Entwerfen ist Forschung – ein Fazit

Um abschließend die Frage zu beantworten, ob Buckminster Fuller der erste Designforscher war, ist es wichtig, zunächst darauf zu schauen, was Design überhaupt bedeutet. An vielen Stellen wird darauf hingewiesen, dass das Wort im englischen Sprachraum anders verstanden wird als im deutschen. Während sich das Wort im Deutschen entweder auf einen besonderen, luxuriösen Wert von Produkten bezieht (Designer-Möbel etc.) oder Disziplinen bezeichnet (Kommunikations-, Produkt-, Modedesign etc.), ist im Englischen damit auch und vor allem das Entwerfen und Planen gemeint. Etwas zu designen hat dort also nicht nur die Bedeutung, die äußere Form zu gestalten, sondern etwas gänzlich zu entwerfen, zu planen und zu konzipieren.

Claudia Mareis beschreibt den Prozess des Entwerfens als Kulturtechnik, und bezeichnet Design als eine »autonome Wissenskultur«. Diese Art des Entwerfens, die transparent Technik, Material, Funktion, Verfahren und Strategien kombiniert, schafft nicht nur das Entworfene, sondern generiert auch Wissen über das Entworfene. Eine solche Sichtweise auf Design kann sich in der Forschung erst heute langsam durchsetzen. Das Einschließen technischer Entwurfsfähigkeit und die Erweiterung des Design-Begriffs und auf jede Tätigkeit, die Zustände zum Besseren verändert, wie es bspw. Herbert Simon beschreibt, wird heute diskutiert, wurde allerdings schon früh von Buckminster Fuller gefordert, denn seine Auffassung von »design science« im Sinne einer Entwurfs- und Planungswissenschaft war genau das: ein rational-organisierter Zugang zum Entwerfen, der wissenschaftliches Wissen nutzt und selbst wissenschaftliche Aktivität ist.

Richard Buckminster Fuller war ein interdisziplinär arbeitender Entwerfer, der nicht einfach Artefakte schuf, sondern grundlegende Prinzipien des Entwerfens entwickelte und diese propagierte. Im Sinne einer Entwurfs- und Planungswissenschaft erhob er »Design« zu einer holistischen Wissenschaft, die alle Probleme der Welt lösen könne und die Menschheit unabhängig von der Politik mache. Sein Werk beschränkte sich nicht auf eine Nische; er schuf Bauwerke, Objekte, Automobile – er war Designer, Architekt, Ingenieur. In seinen Büchern, Artikeln, Briefen und Vorträgen verbreitete er seine Erkenntnisse und forderte dazu auf, umzudenken, während er gleichzeitig wusste, dass sich das Denken der Menschen nicht unmittelbar ändern würde.

Zu Recht werden Fuller in der Literatur mehrere Professionen zugeordnet, denn er beschäftigte sich umfassend mit vielen Wissenschaften und machte Erkenntnisse, die nicht nur für die Architektur, sondern auch für Technik und Philosophie bedeutend sein können. Er war ein konzeptioneller Denker: anders als Architekten wollte er nicht primär Gebäude bauen, sondern grundlegende Strukturen schaffen, die Natur, Technik und Mensch effizient vereinen und allen nützen. Ohne Zweifel war Fuller ein Forscher.

Er selbst bezeichnete sich als »design scientist«. So kann er kann durchaus als erster Designforscher bezeichnet werden – aber nur dann, wenn die Definition von »Design« entgegen der weit verbreiteten Auffassung weit gefasst wird und damit als eine holistische, transdisziplinäre Wissenschaft vom Entwerfen im Allgemeinen verstanden wird.

 


Quellen

Bürdek, B.: Design – Auf dem Weg zu einer Disziplin. Hamburg 2012.

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Fuller, R. B.: Einflüsse auf meine Arbeit. In: Krausse J. und C. Lichtenstein (Hg.): Your Private Sky – Diskurs – Richard Buckminster Fuller. Baden/Zürich, 2001: S. 50–66.

Fuller, R.B.: Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde. Hamburg 2010.

Gabel, M. und J. Walker: The Anticipatory Leader: Buckminster Fuller’s Principles for Making the World Work. In: The Futurist 5, 2006, S. 39–44.

Krausse, J. und C. Lichtenstein: Earthwalking – Skyriding. In: Dies. (Hg.): Your Private Sky – Diskurs – Richard Buckminster Fuller. Baden/Zürich, 2001: S. 8–22.

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Meyer, H.: Die Neue Welt. In: Kleinerüschekamp, W. (Hg.): Hannes Meyer – Architekt, Urbanist, Lehrer. Berlin 1989: S. 70–73.

Nerdinger, W.: Anstößiges Rot – Hannes Meyer und der linke Baufunktionalismus. In: Kleinerüschekamp, W. (Hg.): Hannes Meyer – Architekt, Urbanist, Lehrer. Berlin 1989: S. 12–29.

Pevsner, N. et al.: Lexikon der Weltarchitektur, dritte Auflage, München 1992.

Siebertz, M.: Der erste Designforscher, Köln 2006. Abgerufen am 20.03.2015 von http://roger.kisd.de/197.html

Winkler, K.-J.: Kunst und Wissenschaft. In: Kleinerüschekamp, W. (Hg.): Hannes Meyer – Architekt, Urbanist, Lehrer. Berlin 1989a: S. 94–109.

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