Eine Hängebrücke, deren Ende im Nebel verschwindet

Wissen im Designprozess

Entwurfsprozesse können als rein rationale Vorgänge des Problemlösens verstanden werden. Häufig werden aber auch die intuitiven Anteile von Design hervorgehoben. So lässt sich argumentieren, dass sich in der Arbeit von Designern ‚rational-analytische’ Vorgehensweisen mit ‚emotional-intuitiven’ verbinden.

Dies lässt sich unter Berufung auf die Bewusstseinspsychologie mit der physiologischen Aufteilung des Gehirns in eine logische und eine kreative Hälfte erläutern. Dabei sind rationale Vorgänge eher dem bewussten Denken und intuitive Vorgänge dem unbewussten zuzuordnen.1

Bewusstes und unbewusstes Wissen

Das eine Extrem dieser Dimension lässt sich metaphorisch als ‚black box’ begreifen, wenn Erkenntnisse und Entscheidungen unbewusst und damit von außen nicht nachvollziehbar entwickelt werden, während bewusste, rationale und nachvollziehbare Entscheidungsprozesse mit der Metapher der ‚glass box’ veranschaulicht werden können. Wallas beschreibt bereits 1926 bewusste und unbewusste Anteile in kreativen Prozessen: die erste Phase der Präparation ist ein bewusster Vorgang, den er beschreibt als „hard, conscious, systematic and fruitless analysis of the problem“ Neben diesen bewussten Vorgängen spielt aber auch die bereits verinnerlichte Erfahrung eine wichtige Rolle für die Entwicklung von Ideen:

It [die Phäse der Präparation] includes the whole process of intellectual education. Men have known for thousands of years that conscious effort and its resulting habits can be used to improve the thought-processes (…) The educated man has also acquired (…) a body of remembered facts and words which gives him a wider range in the final moment of association.2

Dieses durch Erfahrung gewonnene, inkorporierte Wissen wurde im Konzept des impliziten Wissens oder ‚tacit knowing’, vornehmlich durch die Arbeit von Gilbert Ryle und Michael Polanyi theoretisch gefasst. Dieses beschreibt die Rolle von verinnerlichter Kenntnis, die im Praxiskontext zwar angewandt, aber nicht explizit ausgedrückt werden kann:

Es sind Formen von reflektierter, intelligenter Praxis, die sich nicht darauf reduzieren lassen, dass in ihnen vorgängig erlerntes theoretisches Wissen zur Anwendung kommt. Vielmehr wird in der Ausübung, Durchführung oder Demonstration von praktischen Handlungen eigenständiges Wissen generiert.3

Die Vorstellung vom impliziten Wissen ergänzt die tradierte Vorstellung, die Wissen vorrangig als explizit und deklarativ versteht. Das Konzept wird von Schön weiterentwickelt, der das stillschweigende Wissen in der Praxis als inkorporiert in Handlungsmuster begreift und es von technisch-wissenschaftlichen Wissensformen abgrenzt:

Often we cannot say what it is that we know. When we try to describe it we find ourselves at a loss, or we produce descriptions that are obviously inappropriate. Our knowing is ordinarily tacit, implicit in our patterns of action and in our feel for the stuff with which we are dealing. It seems right to say that our knowing is in our action.4

Wissen und Reflexion

Dabei unterscheidet Schön verschiedene Formen des praxisorientierten Wissens. ‚Knowing-in-action’ ist die Form des inkorporierten Wissens, das in der Ausführung von Handlungen unbewusst angewendet wird und nicht explizit ausgedrückt werden kann. Als Beispiel werden von ihm Sportler angeführt, die ihre Handlungen ausführen, ohne sie bewusst zu planen, aber auch Designer, die einen Entwurf beurteilen können, ohne explizit ausmachen zu können, worauf dieses Urteil basiert. „Knowing-in-action beschreibt also einmal erlerntes Wissen und Können, das durch wiederholte Ausübung und Routine verinnerlicht und zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist.“5 Als weiteren Modus in der Anwendung von Wissen beschreibt Schön das Konzept des ‚Reflecting-in-action’. Hierunter versteht er die Fähigkeit, innerhalb von Handlungen über eine Situation nachzudenken, sie zu bewerten und die weiteren Aktionen ggf. anzupassen. So können bereits ausgeführte Teilhandlungen reflektiert und im Fall der Entdeckung eines fehlerhaften Vorgehens Aktionen situativ und spontan korrigiert werden. Als Basis für Schöns theoretische Überlegungen zur reflexiven Praxis dienen Fallstudien aus verschiedenen professionellen Bereichen wie Design, Architektur und Pädagogik. Die Arbeit von Designern, also das professionelle Entwerfen, versteht er als „conversation with the materials of the situation“6. Das Entwerfen ist somit ein Prozess, in dem die sich verändernden Situationen immer wieder neu bewertet und das weitere Vorgehen dementsprechend adaptiert werden.

Wissen und Nicht-Wissen

In diesem Kontext beschreibt Stephan eine „Verschiebung des Komplexes »Wissen« innerhalb einer Kausalkette“7 zwischen den Bereichen Haltung, Praxis und Wissen im Design: Startet diese Kette mit dem Komplex Haltung, entwickelt sich daraus die Praxis, aus der wiederum Wissen in Form von Erfahrung gewonnen werden kann. Am Ende der Kette steht dann das durch Erfahrung generierte Wissen, das aber aufgrund der temporären und lokalen Begrenztheit von Handlungen im Design nicht generalisiert werden könne. Wird der Komplex Wissen in derselben Kette an den Anfang verschoben, dient Wissen als Basis für den Entwurf, indem es angewandt und möglicherweise angepasst wird. Durch Erfahrung kann eine routinierte Praxis entstehen, die zu einer professionellen Haltung führt. In dieser Dimension ist die Rolle von Wissen fluide, weil es „keineswegs statisch ist, sondern stets aufs Neue erzeugt, erprobt und angepasst wird.“8 Eine besondere Rolle spielt beim Entwerfen deshalb auch das Nicht-Wissen, das nicht als Defizit, sondern als Ressource betrachtet werden muss. Die Untersuchung der spezifischen Praktiken der Wissensproduktion im Design kann nicht nur zu einem verbesserten Selbst- und Fremdverständnis des Fachs, sondern auch zur Herausarbeitung von entwerfenden Wissensprozessen, die die Handlungsräume anderer Disziplinen betreffen, führen. Aufgrund der Haltung und Methoden, die im entwerfenden Denken durch Professionalisierung entwickelt worden sind sowie durch die veränderten Anforderungen von wissenschaftlichen Projekten kann „jeder (..) Wissensarbeiter (..) als ein Entwerfender verstanden werden“9. Dieses Verständnis führt Stephan weiter in das Modell ‚cognitive design’, das die Gestaltung von Wissen als Aufgabe des Design versteht. Als Grundlage dafür dient Krippendorffs ‚Trajectory of artificiality’10, ein Modell, das die Evolution der von Gestaltung betroffenen Komplexe darstellt.

Die Aufgabe von Design habe sich somit von der Gestaltung materieller Gebrauchsgegenstände auf die Gestaltung interaktiver Systeme und Netzwerke bis hin zur Gestaltung von Projekten und Diskursen erweitert. Im Zentrum von Design steht damit nicht mehr Ästhetik, sondern Kognition. Die Kompetenz von Designern ist in diesem Verständnis nicht mehr (nur) die Gestaltung von Produkten, sondern die (Mit-)Gestaltung von Wissen:

Der Designer formuliert Ansprüche an partizipative Wissenskulturen und realisiert mediale Randbedingungen für deren Diskursformen. Hier kann also kein Wissen vorausgesetzt werden, sondern es geht im Gegenteil um die Bedingungen und die Beobachtung seiner Herstellung.11

Das Ziel von ‚cognitive design’ ist „eine effiziente und innovative Generierung und Kommunikation von Wissen zu ermöglichen“12. Als integratives Aufgabenfeld zwischen Technik, Design und Theorie soll es die Defizite traditioneller Wissensarbeit ausgleichen können.

Wissensgestaltung

Ein erweitertes Verständnis von Gestaltung sowie eine Hinwendung zu anwendungsorientierten Kontexten in der Wissenschaft im Sinne eines ‚practice turn’ führen zu einem veränderten Verständnis von Wissensproduktion im Allgemeinen, in dessen Entwicklung designtheoretische Überlegungen eine entscheidende Rolle spielen können. Ein solcher ‚design turn’ als Veränderung der Wissenschaftslandschaft erfordert die Erforschung der Abläufe von Entwurfsprozessen sowie die darin eingesetzten spezifischen Methoden und Denkweisen. Die Vorstellung des zentralen Moments in kreativen Prozessen als plötzliche Erleuchtung, wie sie in älteren theoretischen Modellen mit den Metaphern des kreativen Sprungs oder Geistesblitzes beschrieben wird, erscheint vor dem Hintergrund jüngerer Überlegungen nicht mehr zeitgemäß. Die Bestrebungen innerhalb des Fachs Design im Laufe des 20. Jahrhunderts, Entwurfsprozesse durch die Entwicklung rationaler Methoden wissenschaftlich zu fundieren, stellen nicht nur einen wichtigen Schritt für die Professionalisierung kreativer Disziplinen durch die Etablierung eines Methoden-Repertoires für die Praxis dar, sondern eröffnen auch eine neue theoretische Perspektive auf das Fach. Eine Erweiterung des Verständnisses von Design zu einer Wissenschaft des Künstlichen liefert darüber hinaus wichtige Erkenntnisse über kreative Tätigkeiten, indem es Entwerfen als grundlegende menschliche Fähigkeit begreift, die nicht nur künstlerischen, sondern auch rationalen und wissenschaftlichen Prozessen zugrunde liegt. Des Weiteren liefert die theoretische Untersuchung professionellen Handelns bedeutende Einsichten in die verschiedenen Formen von Wissen, die in der Praxis eingesetzt werden, und ergänzt die Auffassung von Wissen als ausschließlich deklarative Ansammlung von Information. Das inkorporierte, stillschweigende Wissen ermöglicht professionelles Handeln, das im Anwendungskontext intuitiv erscheint, aber aus distanzierter Perspektive rational erklärbar wird. Die jüngeren designtheoretischen Arbeiten stellen eine konsequente Weiterführung der Theorien des 20. Jahrhunderts dar und begreifen Entwurfsprozesse als forschendes Vorgehen, in dem systematisch das Verhältnis zwischen Wissen und Nicht-Wissen neu verhandelt wird. Die Vorstellung von Intuition als zentrales Element von Entwurfsprozessen wird in aktuellen Theorien abgelöst durch die Auffassung von Design als forschungsorientiertes und reflektierendes Vorgehen, das den Raum zwischen Problem und Lösung durch bewusstes, strategisches Vorgehen mithilfe des Einsatzes spezifischer Strategien überbrückt.

Quellen

Heufler, Gerhard: Design Basics. Von der Idee zum Produkt, Sulgen/Zürich 2004, S. 74.

Mareis, Claudia: Theorien des Designs. Zur Einführung, München 2014.

Mareis, Claudia: Doing Research: Design Research in the Context of the ‘Practice Turn’. In: Joost, Gesche; Bredies, Katharina; Christensen, Michelle; Conradi, Florian; Unteidig, Andreas (Hg.): Design as Research. Positions, Arguments, Perspectives, Basel 2016.

Schäffner, Wolfgang: The Design Turn. Eine wissenschaftliche Revolution im Geiste der Gestaltung. In: Mareis, Claudia; Joost, Gesche; Kimpel, Kora; (Hg.): Entwerfen – Wissen – Produzieren. Designforschung im Anwendungskontext, Bielefeld 2010.

Schön, Donald: The Reflective Practitioner. How Professionals Think in Action, New York 1983, S. 49.

Stephan, Peter Friedrich: Wissen und Nicht-Wissen im Entwurf. In: Mareis, Claudia; Joost, Gesche; Kimpel, Kora; (Hg.): Entwerfen – Wissen – Produzieren. Designforschung im Anwendungskontext, Bielefeld 2010. S. 81–99.

Stephan, Peter Friedrich: Cognitive Design – Eine Perspektive der Designforschung. In: Swiss Design Network (Hg.): Forschungslandschaften im Umfeld des Designs, Publikation zum 2. Symposium Designforschung an der Hochschule für Gestaltung und Kunst, Zürich 2005, S. 107–125.

Stephan, Peter Friedrich: Denken am Modell – Gestaltung im Kontext bildender Wissenschaft. In: Bürdek, Bernhard (Hg.): Der digitale Wahn, Frankfurt am Main 2000.

Wallas, Graham: The Art of Thought, New York 1926., S. 81.

  1. Heufler 2004, S. 74
  2. Wallas 1926, S. 81ff.
  3. Mareis 2014, S. 186.
  4. Schön 1983, S. 49.
  5. Mareis 2014, S. 191.
  6. Schön 1983, S. 193.
  7. Stephan 2010, S. 85
  8. Ebd.
  9. Ebd., S. 87.
  10. Krippendorf 2006, S. 6
  11. Stephan 2010, S.94.
  12. Stephan 2005, S. 107.

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